Trauer tragen: Ein Zeichen für das Umfeld

trauer-tragenFrüher gehörte es sich, dass man bei einem Todesfall Trauer trug. Bis zu einem Jahr war man schwarz gekleidet, nach einem halben Jahr durfte man „Halbtrauer“ tragen, also etwas Farbe. Ich habe lange über den Sinn dieses Brauches nachgedacht und denke, dass er den Verstorbenen nichts bringt.
Trotzdem bin ich heute davon überzeugt, dass die Trauerkleidung sinnvoll ist.

In der Trauer ist man anders

Bewusst wurde mir das durch ein Erlebnis: Ich erhielt täglich eine Behandlung bei einer Therapeutin, die immer fröhlich und aufmerksam war. Eines Tages war sie muffig und unaufmerksam und ich wunderte mich über ihr verändertes Verhalten. Als ich ihr ein schönes Wochenende wünschte, entgegnete sie traurig: „Es wird nicht schön; wir haben gestern meinen 24 jährigen Schwager zu Grabe getragen und die ganzen Angehörigen sind noch im Hause.“

Zeigen, was man braucht

Ich war bestürzt über meinen Egoismus, darüber, dass ich so selbstverständlich erwartete, dass die junge Frau fröhlich und aufmerksam sein müsse. Dann musste ich mir aber sagen: Woher sollte ich wissen, dass sie in einer schwierigen Lage ist und Verständnis braucht?
In dieser Situation wurde mir der Sinn des Trauertragens bewusst: So signalisierte man seinem Umfeld, dass man Leid trägt, dass man Verständnis braucht und nicht so aufmerksam oder fröhlich sein kann wie üblich.

Wie geht es euch damit? Haltet ihr „Schwarz Tragen“ heute als Zeichen der Trauer für zeitgemäß?

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Ein Kommentar zu “Trauer tragen: Ein Zeichen für das Umfeld

  1. Liebe Verena,
    ich bezweifle, dass Schwarz tragen als Zeichen der Trauer in unserer Gesellschaft noch funktioniert!
    Eine Geschichte dazu: In den 90ger Jahren hatte ich an der Uni Mainz eine Kollegin, deren Vater gerade gestorben war. Sie trug – ganz brauchtumsgemäß – tatsächlich monatelang Schwarz als Zeichen der Trauer. Darüber waren wir Kollegen übrigens ziemlich verwundert.
    Eines Tages kam sie ganz verärgert zu mir. Auf dem Unicampus war sie von einer jungen Studentin angesprochen worden: „Ich mache grade eine Umfrage zu Kleidung. Ich will wissen, warum die Farbe Schwarz so angesagt in ist. Sag mal, was gefällt dir an Schwarz so gut?“ Ihre Antwort: „Ich trage Schwarz, weil ich um meinen Vater trauere.“
    Meine Kollegin war gekränkt, dass sie so missverstanden wurde. Die arme Studentin war aber sicher auch höchst verlegen. Diese Begegnung passte nun ganz und gar nicht in ihre Umfrage!
    Das ist schon 20 Jahre her, und ich sehe viele junge Menschen, die Schwarz aus Modegründen tragen. Oder viele Muslima tragen im Alltag schlichte, dunkle Kleidung. Ich glaube, dass Schwarz als Trauerzeichen überhaupt nicht mehr erkannt wird!
    Dazu ist unsere Gesellschaft zu sehr multikulti – und das meine ich gar nicht negativ.

    Was mir an deiner Geschichte gefällt: Du hast zwar nicht erraten, was wirklich los war mit der jungen Frau; aber du hast dich offensichtlich so verhalten, dass die Therapeutin gespürt hat, dass sie dir erzählen kann, was sie bedrückt. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätte sie doch einfach „Danke, Ihnen auch ein schönes Wochenende!“ geantwortet. Ich finde, du warst nicht egoistisch, sondern hast dich ganz angemessen verhalten.
    Mir gefällt das eigentlich besser: Freundlich und aufmerksam mit Menschen umgehen; dann kann jeder selbst entscheiden, ob er sich öffnen will – oder eben nicht.

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