Der Tod meines Vaters

Trauerrose12 Jahre hatte mein Vater in der Schweiz den Status eines Flüchtlings, dann erhielt er die Niederlassung und die Möglichkeit zu arbeiten. Er begann mit dem, was er auch in Deutschland gemacht hatte, er gründete die Dessauer Engros-Buchhandlung. Damals gab es kommerzielle Leihbibliotheken, in denen man sich für ein bis zwei Franken Unterhaltungsromane ausleihen konnte. Mein Vater nahm also Verbindung zu seinen früheren Lieferanten auf, die glücklich waren, nun in die Schweiz exportieren zu können. Um das junge Unternehmen zu finanzieren, versuchte mein Vater, einen Bankkredit zu bekommen – vergebens. So begann er mit dem, was er sich vom Munde abgespart hatte: Einem Startkapital von  2000 Schweizer Franken. Ebenfalls vergeblich bemühte er sich um Aufnahme in den Buchhändler-und Verlegerverband. Aber er boxte sich auch so durch.

Zwei Verfemte tun sich zusammen

Der Bertelsmann-Verlag war den Buchhändlern in jener Zeit nicht genehm. Die etwas rüden Methoden der Mitgliederwerbung für den Lesering stiessen, teils zu Recht, in der Branche auf Ablehnung. Nun taten sich mit Dessauer und Bertelsmann zwei Verfemte zusammen… mit Erfolg: Die Firma wuchs, mein Vater hatte drei Angestellte und war bei seinen Kunden und Lieferanten sehr gut angesehen.

Die Erkrankung

1954 kam der Schlag: Mein Vater erkrankte an Krebs. Meine Mutter und meine älteste Schwester kümmerten sich um ihn. Die Operation verlief gut und mein Vater sollte eigentlich aus dem Spital entlassen werden, aber seine Entlassung wurde immer wieder verschoben … bis zu dem Moment, als meine Mutter erklärte, mein Vater müsse von der Privatstation in die Allgemeine Abteilung verlegt werden, da ihre finanziellen Mittel erschöpft seien. Noch am gleichen Tag war er entlassungsfähig. Mein Vater lebte dann noch 4 Monate. Im September 1954 wollte er mich nochmals sehen und meine Mutter beorderte mich in die Schweiz. Schweren Herzens liess ich meinen Sohn in Frankreich zurück, wo ich ihn in guten Händen glaubte.

Wir betreuten meinen Vater und kümmerten uns so weit als möglich um das Geschäft. Mir fiel die Aufgabe des Aussendienstes zu. Wir mussten erkennen, dass mein Vater immer schwächer wurde und nicht zu retten war. Trotzdem bestätigten wir ihm fast täglich, es ginge aufwärts mit seiner Gesundheit und er würde immer stärker. Jahre lang habe ich unter dieser Lüge gelitten. Heute bin ich überzeugt, dass wir uns um etwas sehr Wertvolles, das bewusste Abschiednehmen, das Vorbereiten auf den Übergang gebracht haben. Aber der Tod war ein Tabu – so war das damals.

Teilen?

2 Kommentare zu “Der Tod meines Vaters

  1. Liebe Verena!
    Thank you for sharing such a deep and vulnerable family story. It really touched my heart. When light is shined on such deep and challenging stories of our past, so much opportunity for healing, compassion and awakenings may arise.
    Kristina Dessauer

  2. Liebe Verena

    Herzlichen Dank für Deine Beiträge, die immer sehr spannend – und auch lehrreich sind.
    Der Tod ist auch heute noch ein Tabuthema; so wie das Alter und Krankheit. In unserer Welt geht es mehr den je um Sieg und Erfolg. Etwas das nicht mehr „funktioniert“ gehört zum „alten Eisen“ und wird entsorgt; möglichst „geräuschlos“…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.